![]() | 04. September 2011 Angst vor Gefühlen Im allgemeinen sagt man ja Männern nach, dass viele von ihnen Angst vor Nähe und vor Gefühlen hätten. Dabei denke ich mal, dass es eher Angst vor Verantwortung und Bindung ist (= Angst vor Verlust der Freiheit) und Angst vor Intensität. Nun stelle ich immer häufiger fest, dass auch viele Frauen offenbar Angst vor intensiven und kraftvollen Gefühlen haben: Sie sind total vom Verstand beherrscht, betrachten alles mit dem Kopf und lassen tiefe Gefühle gar nicht erst zu - obwohl sie sich insgeheim danach sehnen. Okay, da mögen entsprechende Erfahrungen dahinter stecken, z. B. die Angst davor, wieder mal verletzt oder enttäuscht zu werden. Was ja aber an sich kein Grund ist, nicht intensiv zu fühlen - Gefühle haben ja nichts mit lebenslanger Bindung zu tun, sondern nur mit Hier und Jetzt. Aber es ist ja auch beim Sex so, dass viele Frauen sich zwar nach Ekstase und tiefen Gefühlen sehnen, aber beides nicht zulassen wollen oder können. Was ist denn mit uns los? Warum scheint es so, als würden sich immer mehr Menschen auf vielen Bereichen vor tiefen und intensiven Gefühlen fürchten? Sind Gefühle mittlerweile ein Tabu? (Der Antaghar) |
![]() | 04. September 2011 Das ist ein gutes Thema, nur kurz einige Gedanken dazu, erst mal ungeordnet. Man lernt nicht mehr mit Gefühlen umzugehen, man lernt nicht mehr den Gefühlen Raum und Zeit zu geben. Die Zeit ist ein großes Problem...wer sich Zeit für Gefühle nimmt ist nicht mehr produktiv, passt nicht mehr in diese Gesellschaft, ist nicht so gut manipulierbar? Vor allem lernt man nicht mehr mit schmerzhaften Gefühlen umzugehen, lernt dass Schmerz etwas Schlimmes ist. Dabei haben Gefühle immer mindestens zwei Seiten und auch der Schmerz kann dazu gehören. Angst vor Verletzungen. Wer fühlt, macht sich auf und dann kommt immer alles hinein oder heraus.....niemand hat die Garantie dass es nur schön ist, dass man nicht verletzt wird. Leider vergisst man leicht vor lauter Angst und Selbstschutzverhalten, dass die Tatsache in Verbindung mit seinem Gefühl zu sein, eine enorme Sicherheit und Stärke gibt, die einen den Schmerz überwinden lässt. Puh, ich erlebe gerade an mir das beste Beispiel. Jahrelang, besser gesagt jahrzehntelang, habe ich dicht gemacht, habe lieber kein Gefühl an mich heran gelassen als zu riskieren verletzt zu werden. Jetzt habe ich es riskiert mein Herz zu öffnen, die Liebe fließen zu lassen und promt kommt auch Schmerz mit....gut, tut weh aber ich kann damit umgehen weil ich eben weiß dass man immer das ganze Paket bekommt und nicht nur die Sonnenseite...und ich merke um wie viel lebendiger ich mich jetzt fühle. (ganz konkret, mein Blutdruck ist ohne Medikamente von über 200 zu über 150 auf normale Werte gerutscht) Wer fühlt und dazu steht, sich mitteilt, der ist erkennbar, der macht sich auf, der verbirgt sich nicht...wird angreifbar? Wieder wird dabei verkannt, wieviel Stärke und inneren Halt es gibt, seine Gefühle zuzulassen und sich nicht zu sperren. Sorry, etwas wirr, aber irgendwie habe ich keine Lust einen wohldurchdachten Text zu schreiben. lg Quendel |
![]() | 04. September 2011 Mal eine provokante Gegenmeinung ... Verstand und Gefühl müssen sich nicht ausschließen, beides sollte dort eingesetzt werden, wo es hingehört. Um es in einem kurzen Satz zu sagen: Mein Verstand leitet mich an, Gefühle nicht voreilig zu verstreuen und Situationen, von denen ich vermute, dass sie mir schaden könnten, genau zu prüfen. Meine Gefühle betrachte ich irgendwie als "kostbares Gut", mit dem ich nicht inflationär umgehen mag. Mir geht es manchmal eher so, dass ich ein wenig stutzig werde, wenn mich die volle Ladung von Gefühlen anderer trifft - oft nach kurzem, eher oberflächlichen Kontakt. So schnell, wie sie gekommen sind, verpuffen sie meist auch. Tiefe Gefühle müssen wachsen können. Man kann anderen mit einer voreiligen Überdosis seiner Gefühle durchaus auch zu nahe treten, manchmal sogar belästigen. |
![]() | 04. September 2011 Hey Katze, warum Gegenmeinung und warum provokant? Den Verstand sollte man nie ausschließen und beides ist immer vorhanden, am besten im Gleichgewicht. Bei mir selbst Gefühle fließen zu lassen bedeutet nicht dass ich sie über meinen Mitmenschen auschütte und sie damit belästige. Meine Gefühle gehören mir und sind mir ebenso kostbar. Deswegen erlaube ich mir zu fühlen wie ich will, ohne damit zu schachern ob es mir jetzt zum Nachteil gereichen könnte oder nicht. Dabei meine ich das, was ich in mir drin zulasse oder unterdrücke. Und bevor ich sage oder sonstwie äußere dass ich liebe, muss ich es natürlich erst mal tun und das braucht selbstverständlich Zeit zum Wachsen. lg Quendel |
![]() | 04. September 2011 @Quendel ... das war eher allgemein und auf das Eingangsposting gemeint, deinen Beitrag habe ich erst danach gelesen ... |
![]() | 04. September 2011 ach so, passt aber doch ganz gut so als Ergänzung |
![]() | 04. September 2011 Es ist nicht so, dass Gefühle tabu sind. Viele träumen von dem ganz großen Gefühl. Aber die meisten haben einfach Angst vor Enttäuschung. |
![]() | 04. September 2011 Meine These dazu ist, dass wir hier in dieser Gesellschaft einfach nicht lernen mit Unangenehmen, mit Schmerz, mit Enttäuschung, mit Irrtümern umzugehen, ohne gleich als Opfer, als Armes Mäuschen, als schwach eingestuft zu werden. Was hier fehlt ist der respektvolle Umgang mit unangenehmen Gefühlen, mit Trauer, mit Schmerz etc. Erst wenn man sich auch in seinem Schmerz respektvoll behandelt fühlt, kann man ihn zulassen. Die Angst ist nicht so sehr die Angst vor Schmerz, sondern vor dem Umgehen damit. Gefühl, wenn es dann da ist, muss gleich perfekt und schön und absolut rosarot sein, sonst ist es schlecht und muss möglichst schnell verdrängt werden. Wer lernt hier auf konstruktive Weise mit schmerzhaften Gefühlen umzugehen? Wer lernt es diese Gefühle nicht einfach auszuhalten und dann zu verdrängen, sondern sie umzuwandeln, daraus zu lernen? Sie als das anzunehmen was sie sind, eben eine Seite des Fühlens? Dass die Befindlichkeit nicht der Maßstab ist, sondern die Offenheit, Spontanität und Echtheit des Gefühls? Wer den Schmerz ausklammern will, klammert auch die Freude aus. lg Quendel |
![]() | 04. September 2011 Selbstverständlich hat auch unser Verstand seine Berechtigung. Aber er sollte nicht, wie bei vielen, der Alleinherrscher sein - ebenso wenig wie die Gefühle. *** Aber die meisten haben einfach Angst vor Enttäuschung. Kannst du mir, liebe Rhabia, den Zusammenhang erläutern zwischen "intensiv fühlen" und "enttäuscht werden"? Warum geht angeblich Fühlen zwangsläufig mit Enttäuschung einher? Ist es nicht eher so, dass einer Ent-Täuschung (Des-Illusionierung) immer eine Täuschung (eine Illusion) vorausging? Aber was hat das mit intensivem Fühlen zu tun? Ich stimme Quendel rundweg zu: Sein Herz zu öffnen und kraftvolle Gefühle zu erleben, bringt es mit sich, dass man auch immer wieder mal verletzt wird. Aber das Verschließen des Herzens aus Angst vor Verletzung bringt es leider mit sich, dass man auch all das Positive, z. B. Liebe, nicht mehr spüren kann. Eine Mauer bietet Schutz, aber sie hindert einen auch am Lebendigsein. Oder nicht? (Der Antaghar) |
![]() | 04. September 2011 Spüren Ich gehöre eher zu jenen, die zwar leidenschaftlich und mitreißend sind, aber in Bezug auf persönliche Gefühle eher zurückhaltend. Berührungen sind zwar etwas Wunderbares, aber sie zeigen nicht die wirklich dahinterstehenden Gefühle an. Worte der Zuneigung können heute zwar ehrich gemeint sein, sich aber morgen in Schall und Rauch auflösen. Eintagsworte. Was wirklich bleibt ist die innere Zuneigung und Liebe und die ist immer bedingungslos und engt niemanden ein. Worte können schön und wohltuend sein, Berührungen etwas Wunderbares und Einmaliges - aber Spüren, das ist etwas Inneres der Seele und lebt ewig. Und was ein Anderer nicht spürt, können Worte und Berührungen nicht ersetzen. |
![]() | 04. September 2011 Warum muss es immer gleich Angst sein? .. dass auch viele Frauen offenbar Angst vor intensiven und kraftvollen Gefühlen haben: Sie sind total vom Verstand beherrscht, betrachten alles mit dem Kopf und lassen tiefe Gefühle gar nicht erst zu - obwohl sie sich insgeheim danach sehnen. Könnte es nicht auch so sein, dass diese Frauen diese Gefühle in dieser speziellen Situation einfach nicht haben? Weil sie ein ihnen entgegen gebrachtes Gefühl nicht teilen oder erwidern können oder möchten, aus welchen Gründen auch immer? Intensive und kraftvolle Gefühle einem anderen Menschen gegenüber - sowohl positive als auch negative - fallen ja nicht täglich vom Himmel ... |
![]() | 04. September 2011 @ katze54 Wenn jemand etwas nicht fühlt, dann fühlt er es eben nicht. Wenn jemand aber sich selbst Gefühle nicht zugesteht (und erst recht nicht ihre Äußerung), dann steckt da ja wohl schon Angst dahinter. Die Frage wäre: Welche Angst bzw. Angst wovor? Und damit es hier keine Mißverständnisse gibt: Es geht keineswegs nur um Liebe, sondern vor allem um Gefühle: Freude, Neid, Zorn, Trauer, Lust, Geilheit, Begeisterung, Angst etc.! Viele wollen um jeden Preis "cool" wirken, d. h. "kühl, kalt". Und genau wirken sie dann auch: gefühlskalt. Aber was ist daran so erstrebenswert? Klar, man muss und soll nicht immer und überall vor Freude tanzen und vor Trauer heulen, aber es fällt auf, dass auch dort, wo es angebracht wäre (z. B. unter Freunden, in der Familie, beim Sex usw.) viele Menschen Probleme haben, zu ihren Gefühlen zu stehen und sie zum Ausdruck zu bringen, selbst dann, wenn sie gerne Gefühle zeigen würden. (Der Antaghar) |
![]() | 04. September 2011 @Antaghar Meinst du jetzt den Umgang mit Gefühlen im realen Leben oder z.B. hier im Forum? (In Internetforen finde ich meine eigenen Gefühlsäußerungen eher nicht so angebracht - aber das ist halt meine persönliche Meinung.) |
![]() | 04. September 2011 Die Frage wäre: Welche Angst bzw. Angst wovor? Sicher spielt Angst vor Ablehnung eine Rolle, aber möglicherweise auch die Befürchtung, einen anderen damit zu überfordern. In der Kommunikation (ich meine natürlich nicht nur "Liebesbeziehung") gibt es immer einen gewissen Ping-Pong-Effekt, Spiegelung, Empathie ... Wenn einer traurig drauf ist, mag ich ihn selbst nicht immer mit meiner vielleicht gerade vorherrschenden Lustigkeit konfrontieren ... Eins möchte ich aber noch sagen: Keine Gefühle zu erkennen heißt nicht automatisch, dass der andere sie nicht zeigen kann, er zeigt sie nur subtiler. Als HSPlerin spüre ich die Gefühle anderer ziemlich deutlich, auch wenn sie sie sehr leise geäußert werden. |
![]() | 04. September 2011 @ katze54 Natürlich meine ich den Umgang mit Gefühlen im allgemeinen ... Und nein, ich denke nicht an die Angst vor Ablehnubg, sondern ganz speziell an die eigene Angst davor, intensiv zu fühlen und zu spüren. Ob das beim Sex ist (Angst vorm Fallenlassen und Hingeben) oder wenn man sich über ein Geschenk freut oder traurig ist, weil ein Freund gestorben ist - viele lassen all diese Gefühle gar nicht erst zu. Und dem Mut, sie zu zeigen, haben viele erst recht nicht. Die innere Freiheit, selbst entscheiden zu können, ob ich jetzt ein Gefühl zeigen will oder nicht - das ist das Thema. Viele können ihre Gefühle ja selbst dann nicht zeigen, wenn sie es am liebsten würden. Viele Männer trauen sich nicht mal, so etwas wie "Ich liebe dich" zu sagen, und viele Frauen können ihre Lust auf Sex nicht frei ausdrücken - auch wenn sie sich danach sehnen. Sie haben vielleicht Angst davor, dass es mit ihnen durchgehen könnte oder was weiß ich. Und so weiter. *** HSP ist ein anderes Thema. Ich bin selbst das, was man eine "Highly Sensitive Person" nennt und weiß, wie das ist. Es geht auch nicht darum, zu erspüren, wie es einem anderen geht oder wie die Atmosphäre in einem Raum ist - sondern einzig und allein um meine ureigensten Gefühle. Und selbstverständlich halte auch ich meine Gefühle zurück, wenn ich mich gerade total begeistert über etwas freue und einem Freund begegne, der gerade eben seine Partnerin durch einen Unfall verloren hat - dann werde ich nicht mit ihm vor Freude auf der Straße tanzen. Aber er sollte seine Trauer aus sich heraus schreien dürfen. Und wie verhalten sich viele? Sie sagen vielleicht noch gerade so, dass ihre Partnerin leider verstorben ist, verdrücken vielleicht ein Tränchen und tun ansonsten, als sei gar nichts Besonders vorgefallen - genau so vor wenigen Wochen bei jemandem erlebt, der einfach Angst davor hatte, was mit ihm passiert, wenn er seine Trauer voll zulässt. (Der Antaghar) |